Medien, Netzpolitik

Unheimliche Patrioten im Netz: Kommen nur die Dummen an die Kasse?

Nach der Affäre um den Kristallnacht-Tweet von Alexander Müller hat es den nächsten Dummen erwischt. Das Solothurner SVP-Mitglied Beat Mosimann, der auf Facebook und in Online-Foren seine rassistische Hetze verbreitet hat. Der Applaus der Online-Community war frenetisch. Der Fall von Müller wurde gar mit dem Hashtag «Twittergate» geadelt.

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Lässt sich sicher auch auf Twitter zeigen: Verbindungen zwischen den Rechtsextremen-Szenen (Quelle: 20minuten.ch)

Ich kann die Begeisterung für den Recherche-Journalismus 2.0 nicht ganz teilen. In beiden Fällen waren es im Netz bekannte Wiederholungstäter. Zwei Exhibitionisten, für die der Kick in der Online-Öffentlichkeit grösser war als ihr Risiko-Bewusstsein. Es war nur eine Frage der Zeit, bis solche Geschichten Schlagzeilen machen. Dafür braucht es keine aufwendige Recherche, sondern nur ein paar Screenshots.

Was ich nicht verstehe: Warum gräbt niemand tiefer? Weshalb haben sich etwa die Sonntagszeitungen nicht die Mühe gemacht, die rechtsextremen Netzwerke auf Twitter und Facebook genauer anzuschauen? Viele Verbindungen und Interaktionen sind mit paar Klicks zu entschlüsseln. Und es gibt zahlreiche Werkzeuge, um Daten auszuwerten und dazu visuell darzustellen.

Wie lange müssen wir darauf warten, bis jemand den Blog «Unheimliche Patrioten im Netz» schreibt? Es kann doch nicht sein, dass nur die Dummen an die Kasse kommen. Wichtiger wäre es, die Biederfrauen und Brandstifter aufzudecken, die ihre politische Karriere dem braunen Filz verdanken.

PS: Lesenswert dazu auch der Blog von Balthasar Glättli «Unheimliche Patrioten 2.0».

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Campaigning, Medien

Eurovision Song Contest: Warum spricht niemand über die Thurgauer Firma Nüssli und Zwangsräumungen in Baku?

Es hätte eine kleine Medien-Bombe sein können: Die Schweizer Nüssli Gruppe baut für den Eurovision Song Contest die prestigträchtige „Baku Crystal Hall“ auf den Trümmern von Wohnhäusern, deren BewohnerInnen zuvor zwangsgeräumt worden sind.

Die Frankfurter Allgemeine (FAZ) schrieb bereits im Februar 2012 ausführlich über gravierende Menschenrechtsverletzungen, die im direkten Zusammenhang mit den Bauarbeiten der „Baku Crystal Hall“ standen. Die Quelle waren lokale Journalisten in Aserbaidschan. Sie dokumentierten zahlreiche Fälle von Menschen, die nachts im Schlafanzug von Polizisten aus ihren Wohnungen gejagt wurden. Dann kamen die Bagger und Abrissbirnen.

Und was machten die Schweizer Medien aus der Geschichte? Das St. Galler Tagblatt schrieb  „Nüssli baut für den Song Contest“ und lobte die tolle Membranfassade mit 45’000 LED-Leuchten. Kein Wort über Zwangsräumungen. Auch der Blick beliess es bei einer netten Firmen-News.

Haben also die Schweizer Medien einfach eine pikante Geschichte der FAZ verpasst? Leider nein. Es kommt noch dicker. Zwei Monate zuvor, am Schweizer Eurovision-Finale in Kreuzlingen am 10. Dezember 2011, wurde ein Video mit Sven Epiney auf SF gezeigt. Der bekannte Moderator war nach Baku gereist, um sich schon mal ein Bild vor Ort zu machen. Epiney besuchte auch die Nüssli-Baustelle für den Glaspalast und packt gleich selbst mit an.

In einer Einstellung (0:51) sieht man Epiney vor einem Wohnhaus stehen. Lächelnd erklärt er dem Schweizer Eurovision-Publikum: „Im Moment ist [das Bauprojekt] noch ambitioniert. Das Haus da hinten muss auch noch weg.“ Kein Wort von Zwangsvertreibungen. Nett formuliert: Etwas unsensibel von Sven Epiney. Er hat wohl von den Behörden in Baku ein unvollständiges Briefing erhalten. Sicher ist: Selbst recherchiert vor Ort hat Epiney bei seinem Blitzbesuch kaum.

Haben die Medienschaffenden auch in diesem Fall nicht so genau hingeschaut? Nicht ganz: Als damaliger Mediensprecher von Amnesty International habe ich verschiedene Schweizer Zeitungen auf das Problem der Zwangsräumungen und den Lapsus von Sven Epiney aufmerksam gemacht. Doch die Story war leider keinem Medium eine Zeile wert. Obwohl Amnesty International im Vorfeld des Schweizer Eurovision-Finals bereits auf die Menschenrechtsverletzungen in Aserbaidschan aufmerksam gemacht hatte.

Dabei hätte ich nur allzu gerne gewusst, ob die Schweizer Vertretung in Baku oder das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) hinter den Kulissen mitgeholfen hatten, Nüssli den fetten Auftrag zu sichern. Wäre dies der Fall, hätte die „Baku Crystal Hall“ alle nötigen Zutaten für einen veritablen Skandal. Auch wenn die Schweiz beim Eurovision-Final in der „Baku Crystal Hall“ nur zuschauen darf.

Nachtrag

Die Zeitung „Landbote“ hat über die „Crystal Hall“ paar interessante Fakten veröffentlicht. Genannt wird auch die Thurgauer Firma Nüssli. Was fehlt: der Hinweis auf Zwangsvertreibungen

Der Eurovision Song Contest 2012 wird vermutlich der teuerste aller Zeiten. Zwar gibt es keine ofiziellen Zahlen, doch das East-West Research Centre in Baku schätzt die Gesamtausgaben auf über 500 Millionen Euro. Allein die sogenannte Crystal Hall (Kristallhalle), wo die Show stattindet, soll zwischen 120 und 140 Millionen Euro gekostet haben. Sie wurde innert rekordverdächtigen acht Monaten erstellt. Bis zu 1500 Arbeiter waren gleichzeitig im Schichtbetrieb im Einsatz. Hinzu kommen die Kosten für die Erschliessung des Geländes und die Show selbst. Die Gattin des aserbaidschanischen Präsidenten persönlich sitzt dem Organisationskomitee vor – und soll peinlich genau darüber wachen, dass alles den Vorstellungen ihres Ehemanns entspricht. Proiteure des präsidialen Gigantismus sind allerdings auch ausländische Unternehmen. Die Konzerthalle wurde von einem deutschen Architekten entworfen und von der Thurgauer Firma Nüssli in Zusammenarbeit mit der Alpine Bau Deutschland GmbH errichtet.

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Medien, Netzpolitik

Recht auf Vergessen im Internet?

Bekifft an einem Hardcore-Konzert, Zungenakrobatik mit Freundin, Teilzeitnudist im Tessin. Wenn ich mich durch meine Fotokiste wühle, bin ich schon froh, dass meine postpubertäre Phase nicht auf Facebook drauf ist. Die wilden Zeiten sind nur auf Fotopapier verewigt.

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Me,jeff and uzzi totally drunk on headbangers open air!

Wäre ich heute ein Teeny, würde ich sicher ein Teil dieser Schnappschüsse auf Facebook posten. Die witzigen Seiten des Lebens zu teilen, macht ja am meisten Spass und generiert – last but not least – am meisten Likes und Kommentare. Und klar, auch ich wäre nicht so dumm, jeden Schweiss hoch zu laden. Wir wissen ja: Das Internet ist ein schwarzes Loch, das alles aufsaugt und nie vergisst.

Wirklich alle? Nicht ganz. Der Schweizer Bundesrat prüft im Moment auf Anregung von SP-Nationalrat Jean Christoph Schwab, ob dringlicher «gesetzgeberischer Handlungsbedarf» für ein Recht auf Vergessen im Internet besteht. Ob wir also per Gesetz von Facebook und Co eine definitive Löschung von Einträgen einklagen könnten.

In meinen Ohren klingt das «Recht auf Vergessen» sympathisch. Auch die Löschung der eigenen Daten bei Plattformen zu verlangen, finde ich selbstverständlich. Der radikalen Umsetzung im Web sind trotzdem enge Grenzen gesetzt. Deshalb finde ich es absurd, zu viel Denkzeit darüber zu verschwenden. Falls der Bundesrat gerne Grundsatzdiskussionen führt schlage ich ein weiteres Gesetz vor: Alle Zeitungen im ganzen Land werden nach dem Lesen eingesammelt, um in Zukunft alle unliebsame Artikel ausschneiden und vernichtet zu können.  (Anmerkung: Balthasar Glättli hat zu Recht angemerkt, dass mein polemischer Vergleich zwischen Zeitungen und Web zu kurz greift).

Statt über die Spielregeln im Internet zu lamentieren, könnten wir dem unvergesslichen Datenspeicher auch etwas positives abgewinnen: Das Leben wird ehrlicher und authentischer. Keine verlogenen Moralapostel mehr, die nie Jung waren, nie über die Stränge gehauen und nie einen Sommer für Anarchie demonstriert haben. Und wer das alles verpasst hat, ist selbst schuld.

PS: Leider habe ich meine alten Fotos noch nicht digitalisiert. Aber in einer unkontrollierten nostalgischen Phase werde ich wohl meine Timeline aufpeppen.

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Medien

«Man soll den Blog nicht ins Fenster hängen, wenn er nicht zu verkaufen ist.»

Sagt sich der Tagesanzeiger und lanciert heute seinen Life-Style-Blog http://blog.tagesanzeiger.ch/blogmag/ mit H&M Bikinis bis zum Abwinken.

Inhaltlich garniert mit einem Blog von Dr. Philipp Tingler. Ganz zufällig mit 5 Tipps zur Bademode von diesem Sommer. Süsser die Kassen nie klingeln.

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