Campaigning, Social Media

Der Datenstaubsauger von Economiesuisse? Wie der Wirtschaftsdachverband politische Profile sammelt.

Der Blog-Beitrag vom 11. Dezember wurde überarbeitet. Hinweise dazu im Anhang.

Seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten sorgt das Thema «Big Data und Algorithmen» für Schlagzeilen. Mit den Berichten «Cambridge Analytica», welche für politische Kampagnen Psycho-Profile erstellt, hat die Debatte auch die Schweiz erreicht.  

Neben dem Abstimmungs-Targeting mit Facebook-Ads dreht sich die Diskussion auch um «Facebook Connect». Facebook bietet einen sogenannten Single Sign On für Webseiten und Apps. Dies ist ein Verfahren, das Nutzern erlaubt, sich über den Facebook-Account bequem und einfach Zugang zu diversen Online-Diensten zu verschaffen. 

Neben bekannten Diensten wie Spotify nutzen auch vermehrt Campaigning-Tools wie Change.org oder ActionSprout, Facebook Connect. Aus Perspektive des Datenschutzes ist der Einsatz für politische Zwecke eine heikle Sache, wenn die gesammelten Informationen in Datenbanken aggregiert und etwa für Wählerprofile verwendet werden. Häufig ist es für die Nutzer schwer oder gar nicht nachzuvollziehen, welche Daten tatsächlich ausgelesen und für welche Zwecke diese genutzt werden.

Die Schweiz am Sonntag hat berichtet, dass Economiesuisse als erste in der Schweiz Facebook Connect strategisch für politische Kampagnen nutzt. Auslöser war ein Tweet von mir. Konkrete geht es um die europapolitische Plattform «stark vernetz», welche bereits bei verschiedenen Abstimmen eingesetzt wurde.

Die Plattform «stark vernetz»  ist breit abgestützt. Im Boot sind neben nationalen Wirtschaftsverbänden politische Parteien wie die FDP, CVP,  und GLP sowie mit Swiss, PWC, Novartis, Roche und KPMG auch grosse Firmen. Selbst Operation Libero wird als Partner aufgeführt.

Das Netzwerk umfasst, wie der Zähler auf der Website zeigt, bereits 6059 Personen. Wer mitmachen will, kann sich mit Email oder aber mit Facebook anmelden.

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Klicken die Nutzer auf der Plattform «stark vernetz» den Facebook-Button, erfolgt die Verknüpfung von Facebook und der Plattform , worüber Facebook stets das öffentliche Profil und die Freundesliste übermittelt, da diese Informationen als öffentlich eingestuft und nicht beschränkt werden können. 

Log in With Facebook.pngWer Facebook als Login wählt, über den werden – gemäss ausführlichen Datenschutz-Informationen – folgende Daten gespeichert:

  • Daten zur  Person: Wie zum Beispiel Name, Vorname, Adresse, Geburtsdatum.
  • Daten zur Aktivitäten: Wie zum Beispiel dein Beitrittsdatum, Angaben, wie du uns unterstützen möchtest,  welchen Freunden du welche Informationsnachrichten gesendet hast und wann dies der Fall war. 

Die Datenschutzbestimmungen sind nicht abschliessend und eher wage formuliert. Klar ist ist, dass Economiesuisse nicht nur personenbezogene Daten ausliest, sondern mit dem Freundeskreis auf Facebook soziale Beziehungen ausgewertet werden.

Die Integration von «Facebook Connect» ist besonders interessant, weil EconomieSuisse mit Kampagnen-Werkzeuge von Blue State Digital arbeitet. Bei den US-Präsidentschaftswahlen 2008 und 2012 wurden die Tools vom Obama-Team eingesetzt. 

Economiesuisse nutzt dieses Tool in Zusammenarbeit mit der Agentur Campaigning Bureau, um eine Datenbank mit politischen Profilen anzulegen, wie Simon Schärer, Projektleiter Kommunikation des Wirtschaftsverbandes Economiesuisse, Watson erklärte: «Mit diesen Angaben wissen wir, wer die Unterstützer unserer Kampagne sind. Wir können sie so einfacher in den Abstimmungskampf einbinden». 

Je mehr Abstimmungskampagnen über ein Tool wie Blue State Digital laufen, desto grösser wird die Anzahl Datensätze und die damit verknüpften Personenkreise. Diese Daten lassen sich effektiv für Targeting-Werbung nutzen, da die Plattform über Facebook-Connect den Zugang zu ihrem privaten Freundeskreis öffnet. 

Die Frage bleibt, ob sich die rund 6000 User bewusst sind, dass ihre Facebook-Daten genutzt werden, um für ein JA zur Unternehmenssteuerreform 3 zu werben. Obwohl auf der Verpackung der Plattform «Europapolitik» darauf steht, werden die gesammelten Informationen für diverse Kampagnen eingesetzt. Wissen auch die Partnerorganisationen wie beispielsweise Operation Libero davon?

Mit der Plattform «stark vernetzt» betreibt Economiesuisse einen politischen Daten-Staubsauger, der immer weitere Kreise erreicht eine eigene Community auf, um Kontaktdaten zu sammeln und im Netz nicht als grauhaariger CEO-Club aufzutreten, sondern als eine Bewegung von engagierten Menschen.



Update 14. Dezember 2016

Economiesuisse-Kommunikationschef Michael Wiesner hat bestätigt, dass im Hintergrund der Website «Stark vernetzt» Web-Tools von Blue State Digital (BSD) eingesetzt werden. In der Polit-Datenbank laufen auch allen anderen Kampagnen von Economiesuisse zusammen. Blue State Digital verfolgt das Ziel, Daten aus verschiedensten Quellen zu sammeln und aufzubereiten. Dazu gehört auch die Verknüpfung mit Social Media-Daten.

Weiterhin bleibt die Frage offen, welche Daten Economiesuisse in BSD-Datenbank speichert. Sind dabei auch Daten aus dem Facebook User-Profile? Wird die Option von BSD-Tools, Email-Adressen mit Social Media-Profilen zu verknüpfen, nie eingesetzt?

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Update 12. Dezember 2016

Im Interview mit dem Tagesanzeiger erklärt der Economiesuisse-Kommunikationschef Michael Wiesner, dass die Userdaten der Plattform «Stark vernetzt» nicht für andere Kampagnen verwendet und mit Facebook-Connect nur personenbezogene Informationen gespeichert würden. Social Media-Daten zu Freundschaftsbeziehungen hätte Economiesuisse nie verwendet. Davon ausgenommen seien E-Mails, die über die Website verschickt würden.

Auf Grund dieser Aussagen, die ich selbst nicht überprüfen kann, habe ich die Stellen im Blog-Beitrag gestrichen, die von Economiesuisse in Abrede gestellt werden. Dazu habe ich den ursprünglichen Titel mit einem Fragezeichen versehen.

Folgende vier Fragen bleiben für mich offen:

  1. Setzt Economiesuisse für die Website bzw. für die Kampagne «Stark vernetzt» Tools von Blue State Digital ein? Falls ja, werden darin auch Facebook-Daten wie das Public-Profile gespeichert? Update 13.12.17. Economiesuisse setzt BSD-Tools ein. Welche Daten gespeichert werden, ist (noch) nicht bekannt.
  2. Wurden Datensätze von «Stark vernetzt» nie eingesetzt, um Zielgruppen für Facebook-Kampagnen zu definieren?
  3. Weshalb wurden auf der Website «Stark vernetzt» alle Statements der User entfernt, die noch bis Samstagabend 10. Dezember 2016 abrufbar waren? Update 13.12.17. Entfernung sei nur ein Zufall, sagt Economiesuisse. Plattform werde gerade neu aufgesetzt.
    geschichten-stark-vernetzt
    Gelöschtes User-Statement (Screenshot 11.12.16, 18:35 Uhr, europapolitik.ch).
  4. Economiesuisse hat mit Tools von Blue State Digital Datenbanken für Abstimmungskämpfe aufgebaut, wie Watson im Vorfeld der Ecopop-Abstimmung berichtete. Enthalten diese Daten Informationen zu Social Media-Profilen von Usern?
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Campaigning, Medien

Economiesuisse Grounding

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Im Gegensatz zu Vasella hat Economiesuisse keinen Fallschirm eingepackt (Illustration Andy Fischli). http://www.abzocker-stoppen.ch

Auch bei einem Budget von mehr als 8 Millionen schmerzt es, einen 300’000 Franken Video-Clip in den Sand zu setzen. Doch der Kollateralschaden von «Grounding 2026» für die gesamte Kampagne ist kaum zu beziffern.

FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter bringt es auf den Punkt, wenn sie kritisiert, dass «in den Medien ständig über Economiesuisse diskutiert wird und dabei der Inhalt der Vorlage in den Hintergrund tritt».

Nachdem die Abstimmungsunterlagen im Briefkasten liegen, darf von einem «Economiesuisse-Grounding» gesprochen werden. Der Film von «Star-Regisseur» Michael Steiner wird keine Auswirkung aufs Abstimmungsresultat haben – zumindest nicht im Sinne der Auftraggeber.

Die Medienberichte über den Clip-Flop sind Drehpunkt der bisher durchaus soliden NEIN-Kampagne geworden. Die Geschichte vom Angstmacher-Clip, der bei Ursula Fraefel & Co selbst Panik auslöste, ist um Längen besser als die längst tot gelaufene Debatte über die Vor und Nachteile der Abzocker-Initiative.

Für mich bleibt es eine Blackbox, weshalb Economiesuisse auf die Hochrisiko-Strategie mit Steiner eingeschwenkt ist. Einer der bekanntesten Leitsätze in der politischen Kommunikation heisst schliesslich: «Stay on message».

Mit «Grounding 2026» hat Economiesuisse rabiat die Kampagnen-Klaviatur gewechselt und die omnipräsente Lupe, die subtil Zweifel über den Inhalt der Initiative schürt, gegen einen Knüppel ausgetauscht.

Um die Minder-Initiative zu bodigen, macht es strategisch Sinn, die Angst-Karte («Wirtschaftskrise», «Arbeitsplatz-Verluste» usw.) zu spielen. Doch mit der «Wir sind auch gegen Abzocker»-Botschaft ist das nicht kompatibel. Economiesuisse hätte sich vor dem Kampagnenstart entscheiden müssen, auf welches Pferd sie setzen.

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