Campaigning, Medien, Netzwelt, Social Media

Hashtag-Kampagne «BringBackOurGirls»: Mein Interview auf Radio SRF3

Radio SRF 3 hat mich als Kampagnenexperten gefragt, inwiefern Tweets tatsächlich einen Beitrag zur Befreiung der entführten nigerianischen Mädchen leisten können.

Die drei Interview-Schnipsel auf Radio SRF3

Mehr zum Thema in meinem Blog «Retweet the story and your mind will follow».

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Quelle: www.foreignpolicy.com

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Retweet the story and your mind will follow: Die Hashtag-Kampagne «#bringbackourgirls» und die entführten Mädchen in Nigeria

Mitte April hat die nigerianische Islamistengruppe Boko Haram mehr als 270 Schülerinnen aus einem Internat im Nordosten des Landes entführt. Ein Drama, das auch auf Social Media weltweit hohe Wellen wirft – nicht erst, seit die Nachrichtenagentur AFP gestern ein Video der Entführer veröffentlicht hat, auf dem die Mädchen vorgeführt werden.

In den letzten Wochen wurden hunderttausendfach Tweets mit dem Hashtag «#bringbackourgirls» verschickt. Darunter auch von verschiedenen Stars und Prominenten, wie der in letzter Zeit immer politischer auftretenden Michelle Obama. Mit einem Portrait von sich im Stil der Kampagne landete die First Lady auf der Frontseite der New York Post.

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Quelle: Instagram http://instagram.com/p/ntgcjCvZKV

SRF 3 hat mich als Kampagnenexperten gefragt, inwiefern Tweets tatsächlich einen Beitrag zur Befreiung der entführten nigerianischen Mädchen leisten können. Zur Beantwortung dieser Frage muss man sich zunächst die Ausgangslage vor Augen führen. Gemäss Medienrecherchen startete die Kampagne am 23. April 2014 in Nigeria. Lanciert wurde sie von betroffenen Eltern und Aktivistinnen, die Druck auf den nigerianischen Präsidenten Goodluck Jonathan ausüben wollten, mehr für die Befreiung der entführten Mädchen zu tun. In dieser ersten Phase funktionierte die Kampagne nach dem klassischen Muster: Um den Druck auf eine nationale Regierung zu erhöhen, wird über die Bande gespielt und versucht, das Thema auf die internationale Medienagenda zu hieven. Letzteres hat im vorliegenden Fall offensichtlich funktioniert.

Was aber waren die Erfolgsfaktoren für das weltweite Agenda-Setting? Zweifellos lässt die Geschichte der entführten Mädchen niemanden kalt. Darüber hinaus komprimiert der Hashtag «#bringbackourgirls» die Ereignisse auf eine Social Media-gerechte Kurzform, die wegen ihres im Prinzip fiktiven, aber dennoch personalisierten Absenders auffällt. Viele Twitterer haben der Kampagne zudem mit den derzeit allseits beliebten Selfies, d.h. selbst aufgenommenen Portraitfotos, ein eigenes Gesicht geben, was die Sichtbarkeit auf den digitalen Kanälen stark erhöht hat.

Die virale Verbreitung via Social Media hat aber ganz klar auch ihre Schattenseiten. So wurde beispielsweise zehntausendfach ein Foto eines Mädchens verschickt, das angeblich zu den Entführungsopfern gehörte. Mittlerweile wurde bekannt, dass das Mädchen in Gineau-Bissau lebt – über 2’000 km von Nigeria entfernt – und keinerlei Bezug zu den Ereignissen hat.

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Wie im Fall der Viral-Kampagne «Kony 2012» stellen sich zudem auch hier heikle Fragen. Zum Beispiel diejenige nach den Konsequenzen einer derart erfolgreichen Aktion, die weltweit für Schlagzeilen sorgt. So befürchten einige nigerianische Medienschaffende etwa, die Kampagne könnte zu einem Boomerang werden. Denn gibt es in «Afrika» ein Problem, schickt der Westen als Sofortmassnahme in der Regel gerne Militärberater und Soldaten. In der kurzen Geschichte des 21. Jahrhunderts ist bereits ausreichend dokumentiert, dass solche militärischen Interventionen keine oder nur wenig Hilfe bringen, sondern im Gegenteil oftmals viel Leid verursachen und Menschenleben kosten.

Ist der Lärm auf den Social Media-Kanälen deshalb vor allem ein Beispiel für so genannten «Clicktivism», für wenig wirksames Feelgood-Engagement also? Allen negativen Aspekten zum Trotz: Die Hashtag-Kampagne bietet in meinen Augen zumindest die Gelegenheit, mit anderen Menschen darüber ins Gespräch zu kommen, was derzeit in Nigeria passiert. Zudem ist selbst ein simpler Re-Tweet – ganz nach dem Motto «Move your ass, your mind will follow» – eine zwar kleine, aber wichtige Aktion und eine, die angesichts der medialen Dauerberieselung mit Krisen und Katastrophen keinesfalls selbstverständlich ist.

Auch besteht die Chance, dass einige der Millionen Nutzer, die #bringbackourgirls getweetet haben, sich auch in Zukunft für nigerianische AktivistInnen und Medienschaffende einsetzen werden, die täglich ihr Leben riskieren, um gegen Menschenrechtsverletzungen im Land zu kämpfen. Und last but not least weckt die Geschichte der entführten Mädchen vielleicht auch etwas mehr Verständnis dafür, dass Menschen aus Nigeria Schutz und Sicherheit in der Schweiz und anderen Ländern suchen.

PS: Hier das SRF3-Interview zum Nachhören.

Danke an Joel Bisang fürs Feedback.

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Solar Wars: Darf Doris Leuthard ihr Laserschwert behalten?

«Solar Wars» sorgte auf der Piazza in Locarno und auch in Bundesbern für einigen Wirbel. Die grösste Aufregung verursachte das Filmplakat zur «Episode VII – The Golden Sun» jedoch unter eingefleischten Star Wars-Fans.

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Ausgelöst wurde die Debatte durch eine SDA-Meldung, wonach auf dem Filmplakat  die Energieministerin Doris Leuthard als weiblicher «Star Wars»-Helden Luke Skywalker, inklusive Laserschwert, abgebildet sei.

Wie es sich gehört, verlangte die Agentur Feinheit bei SDA eine Richtigstellung. Zumal Doris Leuthard deutlich erkennbar im Outfit und in der Pose von Prinzessin Leia abgebildet war. Leider verweigerte der kompetente Inlandredaktor die Korrektur mit dem Hinweis, dass Leia – seines Wissens – kein Laserschwert habe.

Geteilt wurde diese Interpretation auch von Online-Portal Persönlich. Via Twitter doppelte die Redaktion nach : Leia sei keine Jedi Ritterin und folglich auch keine Trägerin der besagten Kult-Waffe.

Wie oft bei historischen Debatten geht es im Kern um die Frage, welche Quellen als zulässig erachtet werden. Die konservative Schule, zu der sich SDA und Persönlich offenbar bekennen, akzeptiert nur die offiziellen Filme als Belege. Die Feinheit-Experten stützen sich für ihre Interpretation zusätzlich auf schriftliche Quellen des Star Wars-Epos.

Aber was jetzt? War Leia tatsächlich eine Jedi-Ritterin? Die heiligen Bücher (Dark Nest Trilogie) sagen: Infolge des Yuuzhan-Vong-Krieges wurde Leia im Jahr 35 NSY  Jedi-Schülerin von Saba Sebatyne und  ein Jahr später eine vollwertige Jedi-Ritterin mit eigener Waffe.

Doris Leuthard darf das Laserschwert also behalten. Möge die Macht mit ihr sein!

PS: Mehr zur Kampagne und zum Solar-Appell an Bundesrätin Leuthard gibt’s auf pro-solar.ch.

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Economiesuisse Grounding

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Im Gegensatz zu Vasella hat Economiesuisse keinen Fallschirm eingepackt (Illustration Andy Fischli). http://www.abzocker-stoppen.ch

Auch bei einem Budget von mehr als 8 Millionen schmerzt es, einen 300’000 Franken Video-Clip in den Sand zu setzen. Doch der Kollateralschaden von «Grounding 2026» für die gesamte Kampagne ist kaum zu beziffern.

FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter bringt es auf den Punkt, wenn sie kritisiert, dass «in den Medien ständig über Economiesuisse diskutiert wird und dabei der Inhalt der Vorlage in den Hintergrund tritt».

Nachdem die Abstimmungsunterlagen im Briefkasten liegen, darf von einem «Economiesuisse-Grounding» gesprochen werden. Der Film von «Star-Regisseur» Michael Steiner wird keine Auswirkung aufs Abstimmungsresultat haben – zumindest nicht im Sinne der Auftraggeber.

Die Medienberichte über den Clip-Flop sind Drehpunkt der bisher durchaus soliden NEIN-Kampagne geworden. Die Geschichte vom Angstmacher-Clip, der bei Ursula Fraefel & Co selbst Panik auslöste, ist um Längen besser als die längst tot gelaufene Debatte über die Vor und Nachteile der Abzocker-Initiative.

Für mich bleibt es eine Blackbox, weshalb Economiesuisse auf die Hochrisiko-Strategie mit Steiner eingeschwenkt ist. Einer der bekanntesten Leitsätze in der politischen Kommunikation heisst schliesslich: «Stay on message».

Mit «Grounding 2026» hat Economiesuisse rabiat die Kampagnen-Klaviatur gewechselt und die omnipräsente Lupe, die subtil Zweifel über den Inhalt der Initiative schürt, gegen einen Knüppel ausgetauscht.

Um die Minder-Initiative zu bodigen, macht es strategisch Sinn, die Angst-Karte («Wirtschaftskrise», «Arbeitsplatz-Verluste» usw.) zu spielen. Doch mit der «Wir sind auch gegen Abzocker»-Botschaft ist das nicht kompatibel. Economiesuisse hätte sich vor dem Kampagnenstart entscheiden müssen, auf welches Pferd sie setzen.

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Fundstück aus wilden Zeiten: Ein Portrait von Res Strehle (2001)

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Ich hatte wohl das Vergnügen, bei der letzten Kapitalismus-Lesegruppe dabei zu sein, die Res Strehle irgendwann Ende der 90er anleitete. Wir hatten ihn angefragt, weil einem Mitglied unserer Polit-Gruppe an der Uni Zürich zufällig sein Buch «Kapital und Krise: Einführung in die politische Ökonomie» in die Hände gefallen war.

Als ich ein paar Jahre später einen Journalismus-Kurs besuchte und ein Portrait schreiben musste, wusste ich sofort, über wen ich gerne schreiben möchte. Strehle hat sofort zugesagt und mir bei einem Kaffee zwei Stunden aus seinem Leben erzählt. Kurz zuvor war er Chefredaktor des Tagesanzeiger-Magazins geworden. Das Portait erschien irgendwann 2001 in der «Zürcher Studentin» (ZS).


Res Strehle, Chefredaktor
«Das Magazin»

Für den helvetischen Kuschelzoo und die handzahme Cervelatprominenz hat sich Res Strehle nie interessiert. Anders hält er es mit den einheimischen Finanzhaien und Baulöwen. Seit über zwanzig Jahren ist er auf der Pirsch. Ob Christoph Blocher, Martin Ebner oder Stefan Schmidheiny, der Journalist Strehle hat schon einigen Raubtieren der wilden Marktwirtschaft aufgelauert.

Der Jäger gehört im Zeitalter des Hightech-Kapitalismus selbst zu einer vom Aussterben bedrohten Art. Als marxistisch geprägter Ökonom hat er einen langen Marsch durch die bürgerlichen Printmedien hinter sich und ist seit kurzem der neue stellvertretende Chefredaktor bei Das Magazin.

Vor rund zwanzig Jahren veröffentlicht Das Magazin die erste Reportage des jungen Journalisten Strehle. Er schreibt über den Fabrikalltag in den Emser Werken, die später als EMS Chemie den Grundstein für das Finanzimperium von Christoph Blocher legen sollten. Die moderne Kunststofffabrik inmitten der heilen Bündner Bergwelt entdeckt Strehle während einer Arbeitswoche in Chur. Sie faszinierte den achtzehnjährigen Gymnasiasten so sehr, dass er sich für ein Studium der Volkswirtschaft in entscheidet.

Das Studium im fernen St. Gallen erweist sich als eine gute Gelegenheit dem diskreten Charme der Bourgeoisie zu entkommen. «Ohne Eklat», wie Strehle betont, verabschiedet er sich vom Zürichberg. Mit seinem Vater, von Beruf Anwalt und Divisionsrichter, hatte er sich «politisch» zusehens schlechter verstanden. Dem väterlichen Moralkodex entzogen hätten sich auch gerne jene Militärdienstverweigerer, welche «Blitzrichter Strehle» persönlich hinter Gitter brachte.

Kaum in der Ostschweiz angekommen, holt der Vietnamkrieg den Junior ein. In der Aula der Universität wird ein Film über den amerikanischen Luftkrieg gezeigt. Im Saal sind jedoch nicht nur Pazifisten anwesend, sondern auch viele Mitglieder konservativer studentischer Verbindungen. Sie verwandeln die Vorführung in einen Fussballmatch: Jeder Bombenabwurf wird von ihnen mit Applaus und Bravo-Rufen gefeiert. Für den Erstsemesterstudenten Strehle ein Schlüsselereignis: «Zuhause war es nie nötig gewesen, sich für eine Seite zu entscheiden. In dieser Aula gab es keine neutrale Position. Entweder hast du mitgeklatscht oder du gehörtest zu den Kriegsgegnern.» Strehle applaudiert nicht, nimmt an einer Demonstration gegen den Vietnamkriegteil und gehört bald zum Kern der überschaubaren linken Szene in St. Gallen.

Ein Gedicht, das er in der Studentenzeitung veröffentlicht, ist das erste Zeichen seiner Politisierung. «Ich habe aber nie radikal mit der Gesellschaft gebrochen», sagt Strehle heute über sich selbst. Zugegeben, bei der linken Wochenzeitung pflegt er in den 80er Jahren einen schärferen Schreibstil. Er gehört zu einem Clan von jungen SchreiberInnen, die von Niklaus Meinenberg persönlich in die Kunst des «aufmüpfigen» Journalismus eingeführt werden. Doch zunächst gelten die regelmässigen Besuche des Mentors in der Wohngemeinschaft weniger dem Jungtalent Strehle, als seiner Mitbewohnerin.

Beim Meienberg lernt er das Texten und vor allem das «insinuieren» (lat. jmdm. etwas zutragen od. einflüstern). Leider schreibt man heute beim «Tagimagi» längst nicht mehr zwischen den Zeilen und Strehle muss sich mit dem «Subjektivismus-Kult» der Lifestylegeneration herumschlagen. Trotzdem tummelt er sich gerne auf der Spielwiese des Tagesanzeigers. «Das Magazin ist für mich eine alte Liebesbeziehung, die trotz der vielen Kehrtwendungen ihr Charisma behalten hat», sagt er mit einem Augenzwinkern.

Der Zick-Zack-Kurs gehört zu Strehles Leben. Der Mitbegründer der Wochenzeitung schrieb schon für fast alle schweizer Printmedien: Von der Sonntagszeitung über Facts bis zur Weltwoche. Nur der event-geile «Fastfood-Journalismus» liegt ihm nicht besonders. Strehle sitzt lieber am Schreibtisch und werkelt an einem Hintergrundartikel. «Viele Journalisten schreiben bevor sie etwas zu Ende gedacht haben», zitiert er Ulrike Meinhof, die ihn mit ihren Konkret-Kolumnen stets beeindruckt hat.

Selbstkritisch nimmt sich Strehle nicht von seiner Journalistenschelte aus, um im gleichen Atemzug über seine private Inflationspolitik gegen Modewörter zu sprechen. Seit Jahren führt er Listen mit abgegriffenen Füllwörtern. Marode, mutiert und multikulturell.  Strehle, der im Facts-Interview den polternden Christoph Blocher spielend in die Ecke stellt, ist gegen diese «IKEA-Sprachbausteine» einfach sehr empfindlich.

Daniel Graf, Zürcher Studentin 2001

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