Campaigning, Medien, Social Media

Retweet the story and your mind will follow: Die Hashtag-Kampagne «#bringbackourgirls» und die entführten Mädchen in Nigeria

Mitte April hat die nigerianische Islamistengruppe Boko Haram mehr als 270 Schülerinnen aus einem Internat im Nordosten des Landes entführt. Ein Drama, das auch auf Social Media weltweit hohe Wellen wirft – nicht erst, seit die Nachrichtenagentur AFP gestern ein Video der Entführer veröffentlicht hat, auf dem die Mädchen vorgeführt werden.

In den letzten Wochen wurden hunderttausendfach Tweets mit dem Hashtag «#bringbackourgirls» verschickt. Darunter auch von verschiedenen Stars und Prominenten, wie der in letzter Zeit immer politischer auftretenden Michelle Obama. Mit einem Portrait von sich im Stil der Kampagne landete die First Lady auf der Frontseite der New York Post.

michelle_obama_bringbackourgirls

Quelle: Instagram http://instagram.com/p/ntgcjCvZKV

SRF 3 hat mich als Kampagnenexperten gefragt, inwiefern Tweets tatsächlich einen Beitrag zur Befreiung der entführten nigerianischen Mädchen leisten können. Zur Beantwortung dieser Frage muss man sich zunächst die Ausgangslage vor Augen führen. Gemäss Medienrecherchen startete die Kampagne am 23. April 2014 in Nigeria. Lanciert wurde sie von betroffenen Eltern und Aktivistinnen, die Druck auf den nigerianischen Präsidenten Goodluck Jonathan ausüben wollten, mehr für die Befreiung der entführten Mädchen zu tun. In dieser ersten Phase funktionierte die Kampagne nach dem klassischen Muster: Um den Druck auf eine nationale Regierung zu erhöhen, wird über die Bande gespielt und versucht, das Thema auf die internationale Medienagenda zu hieven. Letzteres hat im vorliegenden Fall offensichtlich funktioniert.

Was aber waren die Erfolgsfaktoren für das weltweite Agenda-Setting? Zweifellos lässt die Geschichte der entführten Mädchen niemanden kalt. Darüber hinaus komprimiert der Hashtag «#bringbackourgirls» die Ereignisse auf eine Social Media-gerechte Kurzform, die wegen ihres im Prinzip fiktiven, aber dennoch personalisierten Absenders auffällt. Viele Twitterer haben der Kampagne zudem mit den derzeit allseits beliebten Selfies, d.h. selbst aufgenommenen Portraitfotos, ein eigenes Gesicht geben, was die Sichtbarkeit auf den digitalen Kanälen stark erhöht hat.

Die virale Verbreitung via Social Media hat aber ganz klar auch ihre Schattenseiten. So wurde beispielsweise zehntausendfach ein Foto eines Mädchens verschickt, das angeblich zu den Entführungsopfern gehörte. Mittlerweile wurde bekannt, dass das Mädchen in Gineau-Bissau lebt – über 2’000 km von Nigeria entfernt – und keinerlei Bezug zu den Ereignissen hat.

fake_girl_bringbackourgirlsQuelle: http://neatoday.org/wp-content/uploads/2014/05/Bring-Back-Our-Girls-590×339.jpg

Wie im Fall der Viral-Kampagne «Kony 2012» stellen sich zudem auch hier heikle Fragen. Zum Beispiel diejenige nach den Konsequenzen einer derart erfolgreichen Aktion, die weltweit für Schlagzeilen sorgt. So befürchten einige nigerianische Medienschaffende etwa, die Kampagne könnte zu einem Boomerang werden. Denn gibt es in «Afrika» ein Problem, schickt der Westen als Sofortmassnahme in der Regel gerne Militärberater und Soldaten. In der kurzen Geschichte des 21. Jahrhunderts ist bereits ausreichend dokumentiert, dass solche militärischen Interventionen keine oder nur wenig Hilfe bringen, sondern im Gegenteil oftmals viel Leid verursachen und Menschenleben kosten.

Ist der Lärm auf den Social Media-Kanälen deshalb vor allem ein Beispiel für so genannten «Clicktivism», für wenig wirksames Feelgood-Engagement also? Allen negativen Aspekten zum Trotz: Die Hashtag-Kampagne bietet in meinen Augen zumindest die Gelegenheit, mit anderen Menschen darüber ins Gespräch zu kommen, was derzeit in Nigeria passiert. Zudem ist selbst ein simpler Re-Tweet – ganz nach dem Motto «Move your ass, your mind will follow» – eine zwar kleine, aber wichtige Aktion und eine, die angesichts der medialen Dauerberieselung mit Krisen und Katastrophen keinesfalls selbstverständlich ist.

Auch besteht die Chance, dass einige der Millionen Nutzer, die #bringbackourgirls getweetet haben, sich auch in Zukunft für nigerianische AktivistInnen und Medienschaffende einsetzen werden, die täglich ihr Leben riskieren, um gegen Menschenrechtsverletzungen im Land zu kämpfen. Und last but not least weckt die Geschichte der entführten Mädchen vielleicht auch etwas mehr Verständnis dafür, dass Menschen aus Nigeria Schutz und Sicherheit in der Schweiz und anderen Ländern suchen.

PS: Hier das SRF3-Interview zum Nachhören.

Danke an Joel Bisang fürs Feedback.

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Campaigning, Netzwelt, Social Media

Der Social Media-Hype oder fünf gute Gründe, weshalb Unternehmen die Finger von Social Media lassen sollten.

In Sachen Social Media herrscht derzeit Goldgräberstimmung. Viele Unternehmen versprechen sich von Facebook & Co. Zugang zu neuen Zielgruppen – zu einem unschlagbaren Preis-Leistungsverhältnis.

Die Fachhochschule für Wirtschaft Zürich hat mich anlässlich der Fachmesse SOM14 als Gastreferent zum Thema Social Media eingeladen. In meinem Vortrag habe ich über die Risiken und Nebenwirkungen von Social Media gesprochen, die nicht auf der Verpackung stehen. Hier die Kurzfassung als Blogbeitrag.

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«Sind Sie auch auf Social Media?» lautet die allgegenwärtige, ziemlich irreführende Frage. Irreführend deshalb, weil der Fragesteller eigentlich wissen will, ob ich ein Facebook-Profil besitze. Und «Facebook» und «Social Media» heute von vielen Menschen gleichgesetzt werden. Die Zahlen sprechen für sich: In der Schweiz haben Anfang 2014 über 3.4 Millionen Menschen oder stolze 41 Prozent der Bevölkerung ein eigenes Facebook-Profil. Diese enorme Verbreitung wird nur von einem altbekannten Kanal übertroffen – nämlich dem Briefkasten an jeder Haustür.

1. E-Mail-Adressen sind mehr wert als Social Media-Kontakte

Auf die Unternehmenswelt bezogen lautet die Frage: Muss jedes Unternehmen auf Facebook präsent sein? Die Antwort darauf ist simpel: Nein. Ebensowenig, wie alle Firmen auf Massen-Postversände setzen, benötigen alle Unternehmen eine Facebook-Präsenz. Denn wie beim Streuwurf via Postbote, der eine Stange Geld kostet, ist auch bei Facebook zunächst eine differenzierte Kosten-Nutzenanalyse notwendig.

Wie ich weiter unten noch detaillierter ausführen werde, bin ich bei Zuckerbergs Marketingmaschine oft skeptisch, ob sich der Aufwand für Unternehmen wirklich lohnt. Etwas anders sieht das im Fall von Twitter aus. Der Microblog mit 140 Zeichen bietet einen USP, der für viele Firmen als Joker sticht: Twitter ermöglicht einen unkomplizierten Kontakt mit Multiplikatoren und Meinungsmachern, die im Newsstrom nach Perlen tauchen. Sehr wertvoll für die Medienarbeit sind beispielsweise die «Direct Messages» an Journalisten, um kurzfristig eine Story unterzubringen. Umgekehrt gilt jedoch auch, dass Unternehmen, die keine kontinuierliche PR- oder Medienarbeit betreiben, mit gutem Gewissen auch auf Twitter verzichten können.

Der Popularität von Social Media zum Trotz bleibt aber die harte Währung im Netz nicht die Anzahl Fans oder Follower, sondern die Zahl der eigenen E-Mail-Kontakte. Im Gegensatz zu den sexy Plattformen, die meine Botschaften nach – mehr oder weniger bekannten – Spielregeln filtern oder dank Werbung tatsächlich anzeigen, landet ein E-Mail stets direkt im persönlichen Briefkasten des Adressaten – und dies bei Zehntausenden von Menschen gleichzeitig. Für Kampagnen, die auf einen crossmedialen Wahrnehmungs-Peak abzielen, erfüllen E-Mails damit eine wichtige Zielvorgabe.

2. Das Lockvogel-Prinzip

Social Media sind heimtückisch. Und zwar deshalb, weil alle Plattformen nach dem Lockvogel-Prinzip arbeiten. Konsumenten kennen dieses Prinzip mittlerweile bestens: Wer beispielsweise einen preiswerten Drucker kauft, weiss, dass die Preisangabe auf der Packung nur die halbe Wahrheit ist. Denn Geld wird mit den teuren Druckerpatronen verdient. Auch Facebook & Co. arbeiten nach dem Lockvogel-Prinzip, gehen dabei aber noch einen Schritt weiter: Der Start in die schöne Social Media-Welt ist gratis.

Ist jedoch die neue Facebook-Fanpage einmal eingerichtet, wird rasch der Griff ins Portemonnaie notwendig. Oft sorgen erst Facebook-Ads für die gewünschte Interaktion und gewährleisten, dass tatsächlich neue Zielgruppen erreicht werden. Das Problem liegt hier auf der Hand: Die Zahl von Menschen und Marken, die auf Facebook präsent sind, steigt stetig, womit auch die Konkurrenz um die Aufmerksamkeit zunimmt. Gemäss Facebook stehen heute für einen durchschnittlichen Nutzer theoretisch täglich über 1’500 Meldungen bereit.

Die für bezahlte Werbung anfallenden Kosten sind jedoch geradezu Peanuts im Vergleich zum Aufwand, den ein Unternehmen betreiben muss, um gute Inhalte zu generieren. Aus Spargründen wird deshalb oft Bestehendes rezykliert, statt Neues produziert. Statt spezifischem Social Media-Content stellen Firmen beispielsweise oft bereits vorhandenes Material – etwa aus Medienmitteilungen oder anderen Veröffentlichungen – auf die neuen Kanäle. Derart rezyklierte Inhalte sorgen selten wirklich für Begeisterung, was sich unmittelbar auf die Anzahl «Likes» auswirkt.

Bevor sich ein Unternehmen auf Social Media stürzt, sollten sich die Verantwortlichen fragen, ob die Bereitschaft vorhanden ist, aktuelle und gut konsumierbare Webinhalte mit hohem Mehrwert zu produzieren. Oder konkreter: Ob ein Firmen-Blog eine Option ist. Denn Unternehmen, die weder Zeit noch Geld für die Produktion von Blog-Inhalten aufwenden wollen, verfügen in den wenigsten Fällen über passende Inhalte für Social Media. Und spezifisch für’s Web konzipierte Beiträge sind nach wie vor das A und O, um auf diesen Kanälen Reichweite zu erzielen.

3. Social Media funktionieren nicht wie ein Popkonzert

«Wir bauen uns eine eigene Community!» lautet ein oft gehörtes Vorhaben von Social Media-Verantwortlichen von Unternehmen. Ein attraktives Konzept, denn tatsächlich gibt es auf Facebook viele grosse, lebendige, bunte Gemeinschaften. Doch abgesehen von einigen, vielzitierten Ausnahmefällen sind alle erfolgreichen Communities ohne Geburtshilfe von Unternehmen entstanden. Der Aufbau einer funktionierenden Community ist ein nicht ganz einfaches Unterfangen. Es lauert die Gefahr einer Wiederholung der immer gleichen Themenvariationen. Ich mag zwar SBB, Migros und viele andere Marken. Ihre Facebook-Posts sind jedoch nicht viel mehr als unnötiger Füllstoff in meiner Timeline, dem ich selten Beachtung schenke.

Ein typischer Fehler vieler Unternehmen ist, dass sie Facebook als eine Art Popkonzert begreifen: Oben auf der Bühne rockt der Community Manager und unten klatscht das Publikum – zumindest ab und zu. Ein fataler Irrtum, leben doch engagierte Gemeinschaften von einem regen gegenseitigen Austausch. Eine Bühne trennt in diesem Fall mehr, als dass sie Beziehungen schafft.

Unternehmen sollten sich deshalb die Frage stellen, ob sie wirklich nicht mehr von ihren Fans und Followers wollen, als ein kleines bisschen Aufmerksamkeit. Ob es beispielsweise denkbar wäre, dass die Community einen Beitrag leistet, um Produkte und Dienstleistungen zu verbessern und weiterzuentwickeln. Wer der Community keine aktive Rolle zugesteht und sich nur brave Multiplikatoren wünscht, wird die Leute längerfristig nur mit viel Show und Lärm bei der Stange halten können. Kein besonders nachhaltiges Konzept, das zudem das Potenzial von Social Media bei weitem nicht abschöpft.

4. Offene Kritik ist selten erwünscht

Spätesten seit der Begriff «Shitstorm» die Runde gemacht hat, ist klar, dass es sich mit dem Dialog auf Social Media verhält, wie mit einem wilden Kindergeburtstag – eben noch friedlich kann er unvermittelt aus dem Ruder laufen. «Dialog» meint immer auch «offenen Meinungsaustausch»; in Bezug auf Social Media geht allerdings gerne vergessen, dass der Austausch hier nicht nur «offen», sondern automatisch auch «öffentlich» ist.

Die neue Transparenz ist vielen Unternehmen unangenehm, weil insbesondere die Verantwortlichen in den oberen Etagen oft nicht so recht wissen, wie mit kritischen Rückmeldungen umzugehen ist. Ein Dutzend negativer Kommentare auf Facebook können schnell einmal zu einem Traktandum an der nächsten GL-Sitzung werden. Die Diskussion dreht sich dabei oft nicht um den Inhalt der Kritik, sondern um die Frage, wie dem «drohenden Reputationsschaden» zu begegnen ist. Und wenn die Teppichetage nicht mit öffentlicher Kritik umgehen kann, ist die Chance gross, dass Facebook den Chefs und damit wohl auch dem Kommunikations-Team regelmässig den Tag vermiesen wird.

5. Social Media ändern die Spielregeln

Je länger ich mich mit Social Media befasse, desto unbedeutender scheinen mir die Herausforderungen technischer und inhaltlicher Art. Viel schwerwiegender ist für mich der kulturelle Wandel, den die neuen Kanäle mit sich bringen.

Social Media stehen für mich für eine direktere Kommunikation mit weniger Barrieren und Hierarchien. Die Kanäle vernetzen zudem eine wachsende Zahl von Menschen, die sich oftmals physisch noch nie begegnet sind. Wenn sich dadurch etablierte Grenzen verschieben – in Bezug auf Unternehmen etwa die Grenzen dessen, was als «intern» und was als «extern» gilt – ändern sich rasch die Spielregeln der Zusammenarbeit in einem Betrieb.

Das Ausprobieren der neuen Möglichkeiten von Social Media beeinträchtigt bis zu einem gewissen Grad das gefestigte Gefüge in einem Unternehmen. Dies macht – nicht nur in der Kommunikationsabteilung, sondern auch in anderen Unternehmensbereichen – Anpassungsleistungen mit entsprechenden Kosten notwendig. Ein wichtiger Faktor ist dabei weniger das Geld, sondern die Unsicherheit, die mit jedem Wandel einhergeht: Was wird sich in Zukunft gezwungenermassen alles ändern? Was bleibt gleich? Und was heisst das für meine Arbeit?

Die Social Media-Welle rollt und wird früher oder später jedes Unternehmen erreichen. Trotzdem macht es für die Verantwortlichen durchaus Sinn, sich zu fragen, ob aktuell Zeit und Ressourcen vorhanden sind, um sich auf tiefgreifende Veränderungen einzulassen. Denn es ist trotz aktuellem Hype keineswegs so, dass jedes Unternehmen möglichst rasch eine eigene Social Media-Präsenz braucht. Für viele Unternehmen besteht hier durchaus noch ein Spielraum von ein paar Monaten, wenn nicht gar von ein paar Jahren. Oder wie es ein Bekannter von mir letztens formuliert hat: «Eine Strategie zu haben, heisst, zum richtigen Zeitpunkt nein zu sagen». Dies gilt – wie mir scheint – ganz besonders auch für die Teilnahme am aktuellen Social Media-Hype.

Danke an Joel Bisang fürs Feedback zum Blog.

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Campaigning, Netzpolitik, Social Media

Email-Mais im Bundeshaus

Heute hat Solidar Suisse eine für die Schweiz neuartige Kampagne gestartet. Die Mitglieder der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrates (APK-N) haben in den letzten Stunden über 1000 Emails erhalten.

APK-N

Absender sind BürgerInnen, die bestürzt darüber sind, dass das geplante Freihandelsabkommen mit China die Menschenrechte ausklammert. Das Wort «Menschenrechte» sucht man vergeblich in den über 1000 Seiten des Vertragstextes. Die Parlamentarier der APK-N diskutieren am Montag 21. Oktober 2013 über das Freihandelsabkommen. Bisher deuten alle Anzeichen darauf hin, dass der umstrittene Vertrag geräuschlos durchgewunken wird.

Solidar_Clip

Interessant ist die Mechanik, die hinter der Kampagne steht. Für Aufmerksamkeit sorgt, wie bereits bei anderen Kampagnen, ein witzig gemachter Youtube-Clip. Der Still ist darauf ausgelegt, dass das Video möglichst oft via Social Media geteilt wird und so BesucherInnen auf die Website Solidar Suisse bringt.

Die Neuheit verbirgt sich hinter der Website. Ein Modul verschickt automatisch an alle Nationalräte der APK-N persönlich adressierte Emails. Die Absender können dazu den vorgeschlagenen Text frei anpassen.

Solidar

Es ist meines Wissens das erste Mal, dass Schweizer ParlamentarierInnen die Wucht einer Empörungswelle zu spüren bekommen. Im Gegensatz zu organisierten Protesten via Facebook und Twitter treffen Emails das Rückgrat der Alltagskommunikation. Einige Hundert Emails im Sekundentakt reichen aus, um ein Postfach komplett zu fluten.

Kein Wunder also, dass sich die betroffenen Parlamentarier als Opfer eines «Shitstorms» betrachten. Ein überquellendes Postfach ist keine Freude. Das Abarbeiten kosten Zeit und Nerven. Gleichzeitig handelt es sich bei den Absendern der Solidar-Aktion nicht um einen anonymer Mob, sondern um – zum grossen Teil vermutlich wahlberechtigte – Bürgerinnen und Bürger, die sich mit vollem Namen und Email-Adresse für ein Anliegen stark machen.

Ich bin gespannt, wie die PolitikerInnen auf die Email-Welle reagieren, zumal sich die Absender explizit «über eine Antwort freuen» würden, wie es im Standard-Text heisst.

UPDATE 17.10.13 21:56

Solidar Suisse hat vor kurzem die Email-Aktion an die ParlamentarierInnen beendet. Insgesamt wurden 1’017 persönlich andressierte Emails an die Mitglieder der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrats verschickt (APK-N). Die Botschaft sei angekommen, schreibt Solidar Suisse.

Solidar_Update

UPDATE 19.10.13

Neben der Tagesschau berichtete auch der Blick über die 1000-Email-Aktion und titelte «Spam-Terror wegen Freihandelsabkommen». Bürgerlichen PolitikerInnen wie Kommissionspräsident Andreas Aebi, die für das umstrittene Freihandelsabkommen sind, beschwerten sich über die kontraproduktive Aktion für die Menschenrechte. Wer dem Geschäft kritisch gegenübersteht, wie die St. Galler Nationalrätin Claudia Friedl, zeigte durchaus Sympathie für die Aktion.

Sicher ist: Eine  Email-Welle muss gezielt und sparsam eingesetzt eingesetzt werden. Sie gehört nicht zu den Standardmassnahmen für Campaigning.

UPDATE 22.10.13 14:02

Die Kommission winkt das umstrittene Freihandelsabkommen durch: Mit 14 zu 6 Stimmen  hat sich die APK-N für die Genehmigung des vom Bundesrat ausgehandelten Abkommens ausgesprochen. Mit 15 zu 6 Stimmen  abgelehnt wurde der Antrag, den Bundesbeschluss dem fakultativen Referendum zu unterstellen. (Quelle: Medienmitteilung).

Disclaimer: Ich habe bei dieser Kampagnen nicht mitgearbeitet. Meine letzte Online-Aktion für Solidar Suisse war der FIFA-Hack.

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Fanstorm: Ärger mit falschen Facebook-Fans

Vor kurzem habe ich mir mit Dominic Stöcklin, Sam Steiner, Holger Schicke und Nick Lüthi ein lebhaftes Tweet-Gefecht geliefert. Der Auslöser war die Facebook-Fanseite von ok. Mir war aufgefallen, dass die Mehrheit der über 343’000 Fans aus Ländern stammten, in denen Valora-Produkte gar nicht erhältlich sind.

Ok_fb

Wer auf Facebook die Statistik anschaut, stellt mit Überraschung fest, dass die Stadt mit den meisten ok-Fans Lima heisst. Doch nicht nur Peruaner (28k, 8.3% der Fans) fahren darauf ab, wie Soccialbakers.com zeigt: Auch in Argentinien (33k, 9.8% der Fans) und in Mexiko (22k, 6.6%) steht die Budget-Linie des Valora-Konzerns hoch im Kurs, obwohl die Produkte nicht zu kaufen sind.

Fan-Verteilung der OK-Fanpage (Socialbakers.com)

Fan-Verteilung der OK-Fanpage (Socialbakers.com)

Wegen diesen Zahlen äusserte ich in einem Tweet den Verdacht, dass ein Teil der ok-Fans wohl gekauft seien.

So kam postwendend die Antwort von Dominic. Er hatte 2009 die ok-Facebookseite aufgebaut und seiter – mit einer Unterbrechung – betreut. Dominik erklärte, dass die Zahl der Facebook-Fans im letzten Jahr plötzlich zugenommen hätten. Teilweise mehr als 1000 Fans am Tag führten zu einem «Hockey-Stick»-Effekt, zu einem steilen Knick nach oben. Er seit zwei, drei Monaten sei die Entwicklung wieder normal.

Ich war doch etwas erstaunt über diese Erklärung, obwohl ich selbst – dank einem falsch konfigurierten «Sponsored Post» – auch schon paar hundert Likes aus Asien erhalten habe. Aber 80’000 Zufalls-Fans aus Peru, Argentinien und Mexiko? Das schien mir doch etwas viel. Ein Marketing-Fehler wäre zweifellos vom ok-Communitymanager rasch korrigiert worden. Es macht ja, wie Dominic selbst ausführte, wegen der fehlenden Interaktion und dem sinkenden Edge-Rank kein Sinn, eine solche Community aufzubauen.

Hätte sich nicht Sam Steiner , in die Diskussion eingeschaltet, wären wohl mein Zweifel geblieben. Sam hat Erfahrungen mit Big-Fanpages: Er betreibt die Seite «Bass Guitar» mit über 480’000 Fans. Sam schrieb, dass er die meisten Fans durch «unbezahlte Recomandations von Facebook» erhalten habe. Und weiter:

Gibt es auf Facebook also tatsächlich ein Phänomen, das als ungebetener Fan-Tsunami beschrieben werden könnte? Oder als «Fanstorm», wie Sam vorschlug? Bei meinen Recherchen habe ich bisher nichts wirklich Schlaues dazu gefunden.

Möglicherweise war es eine falsche Fährte. Thomas Hutter, den ich nachträglich um seine Meinung gebeten hatte, meinte, der Valora-Fall sei für ihn «nicht verdächtig», weil der Begriff «ok» in allen Sprachen vorkomme.

Oder waren doch Fake-Fans im Spiel? Hat jemand vielleicht unbewusst oder mit Absicht falsche Fans «verschenkt»? Im Fall von World Vision ist ein solcher «Fanstorm» gut dokumentiert.

Zweifellos gibt es zahlreiche Gründe, ein trojanisches Fan-Pferd spendiert zu bekommen. Denkbar wär ein treuer Anhänger, der seiner Fanpage etwas Gutes tun will und unbesonnen über «Kaufmich-Angebote» im Netz stolpert. Oder ein smarter Konkurrent, der darauf abzielt, die Reputation einer Firma oder einer Organisation zu torpedieren. Sicher ist: Mit Soccialbakers.com oder anderen Analyse-Tools bleiben solche Manipulationen nicht verborgen.

Ich frage mich, wie lange es geht, bis «Fanstorms» zum Spass oder strategisch für Kampagnen eingesetzt werden. Wer eine Fan-Flut auslöst, kann damit rechnen, dass das Community-Management der Zielseite ziemlich ins rotieren kommt. Mehr noch: Wir der wundersame Zuwachs öffentlich, droht ein veritabler Shitstorm. Den Fanseiten-Betreibern wird es sehr schwer fallen, glaubhaft zu beweisen, dass sie nicht selbst die Fan-Zahlen etwas pushen wollten.

Stellen wir uns einmal vor, die Facebook-Seite der SVP würde über Nacht um 25’000 Fans wachsen. Und das kurz vor den Wahlen. Ein solcher «Fanstorm» würde sicher für Schlagzeilen und viel LOL sorgen.

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