Campaigning, Netzpolitik, Netzwelt

US-Wahlkampf mit Gamification: Hillary setzt aufs Smartphone 

Jetzt kommt der US-Wahlkampf in die entscheidende Phase. Die Frage ist nicht mehr, wer für Schlagzeilen sorgt, sondern wer die Wählerinnen und Wähler tatsächlich an die Urne bringt. 

Wie kein Kandidat zuvor, hat Trump Twitter genutzt, um mit Erfolg die mediale Bühne zu bespielen. Wenn es um die Mobilisierung via Facebook geht, hat jetzt Hillary die Nase vorne. Ihr Wahlkampf-Team kann für die heisse Phase auf eine Smartphone-App zurückgreifen, die alle Online-Werkzeuge der Gegenseite in den Schatten stellt.

Die «Hillary Clinton 2016» App für iOs und Android macht aus jedem Smartphone ein digitales Wahlkampfbüro. Die App erlaubt es, auf das Adressbuch zuzugreifen und die Daten mit Facebook abzugleichen. In einem zweiten Schritt lassen sich spielerisch Facebook-Freunde auswählen, die potentielle Fans von Hillary sind. Diesen Personen können gezielt SMS geschickt werden, um sie zur Wahl oder zu Spenden aufzufordern. 

Crowd-Campaigning als Erfolgsfaktor

Hillary setzt mit der App auf Crowd-Campaigning, wie Teddy Goff, digitaler Chefstratege in Politico erläuterte. «We know voters are more likely to take an action if they’ve been compelled to do so by their friends. One of the key objectives of our organizing technology strategy is to provide our people ways to reach out to their friends in as targeted a way as possible.»

Die Kampagnenstrategie fokussiert voll und ganz auf den sozialen Effekt. Dieser funktioniert nur, wenn die Menschen, die sich beteiligen, einen möglichst grossen Handlungsspielraum erhalten. Sie werden vom Kampagnenteam nicht ferngesteuert, sondern nur angestubst und kreisen auf eigenen Umlaufbahnen.

hillary_2

Mobilisieren mit PokemonGo-Effekt

Die App verbindet nicht nur Datensätze und vereinfacht die persönliche Mobilisierung, sondern setzt auf Gamification. Dahinter stecken Programmier, die an bekannten Online-Games wie Farmville mitgearbeitet haben.

Mit Punkten und Badges sollen User motiviert werden, möglichst viel Menschen anzusprechen. Dazu stellt das App als Wahlkampfzentrale täglich neue Aufgaben, die zu lösen sind.

Standard
Campaigning, Weiterbildung

Mitmach-Kampagnen:«Wir müssen die Planung auf den Kopf stellen.»

Sarah Spiller, Kampagnenforum, hat mit mir ein Kurzinterview über «Mitmach-Kampagnen» geführt. Ich meine damit Kampagnen, die auf die Partizipation des Publikums fokussieren statt nur auf Sharing von Inhalten. Anlass ist ist der Kampagnenforum-Kurs  «Kreative Mitmach-Kampagnen», der am 6. September 2016 statt findet.

roboter_fuer_grundeinkommen

Roboter demonstrieren an der Zürcher Bahnhofstrasse für ein bedingungsloses Grundeinkommen (Juni 2016).

Sarah: Die Möglichkeit für breite Bevölkerungskreise, sich aktiv an einer Kampagne zu beteiligen, gilt in deinem Ansatz als wichtiger Erfolgsfaktor. Welche Herausforderungen siehst du darin?

Daniel: Wir müssen die Kampagnenplanung auf den Kopf stellen: Statt am Schluss zu fragen «Und was haben wir zum Teilen auf Facebook?» steht der Einbezug der Zielgruppen an erster Stelle. Der Netzwerkansatz ist die strategische Basis, auf der eine Mitmachkampagne aufbaut. Sie funktioniert nur, wenn die Menschen, die sich beteiligen, einen möglichst grossen Handlungsspielraum erhalten. Sie werden vom Kampagnenteam nicht ferngesteuert, sondern nur angestupst und kreisen auf eigenen Umlaufbahnen.

Welche war in deiner Erfahrung die erfolgreichste Mitmachkampagne der letzten Jahre? Warum?

Die Durchsetzungsinitiative war für mich bisher die spannendste Fallstudie. Erstmals hat sich gezeigt, dass die breite Mobilisierung – insbesondere auch auf den sozialen Medien – bei nationalen Abstimmung mit knappem Ausgang eine Rolle spielen. Dem «Dringenden Aufruf», bei dem sich 50’000 Menschen beteiligten und über 1 Million Franken gespendet haben, ist es gelungen, eine «Es geht nur mit dir»-Stimmung zu schaffen. Im Gegensatz zur kraftlosen Elitekampagne von Politik und Wirtschaft hat der Aufruf eine spürbare Basismobilisierung geschaffen. Den Leuten wurde aufgezeigt, dass sie selbst etwas tun können – über das Abstimmen hinaus.

Welche Aspekte der Kampagnenarbeit rückst du beim Kurs ins Zentrum und wer sollte unbedingt teilnehmen?

Wir fokussieren auf den sozialen Effekt in einer Kampagnenstrategie, der für den Erfolg entscheidend ist. Wer sieht, dass Freundinnen und Freunde sich beteiligen, interessiert sich für den Inhalt und ist eher bereit, selbst einzusteigen. Gerade etablierte Organisationen, Verbände und Parteien, die bisher auf Marketing und PR setzen, um ihren Bekanntheitsgrad zu steigern, haben Mühe, auf Augenhöhe zu kommunizieren und das Publikum einzubinden. Last but not least holen Mitmachkampagnen mehr aus knappen Budgets heraus.

Danke für deine Ausführungen, wir freuen uns auf einen spannenden Kurs am 6. September.

Weiterbildung: Kreative Mitmach-Kampagnen

Der wichtigste Erfolgsfaktor für Kampagnenarbeit ist Sichtbarkeit in den Medien, auf der Strasse und im Internet. Dafür müssen Themen und Anliegen in bildstarke, kreative und motiverende Aktionen übersetzt und in die Kampagnen-Strategie eingebunden werden.
Für die Umsetzung brauchen Sie Mitstreiterinnen und -streiter. Doch immer seltener können Organisationen auf langjährige Aktivistinnen und Aktivisten zurückgreifen. Kampagnenschaffende müssen daher die Kampagnen so gestalten, dass ein Mitmach-Effekt entsteht und breite Kreise von Menschen sich engagieren können.

Kampagnenexperte Daniel Graf zeigt auf, wie sie Strategien entwickeln und Menschen in mobilsierende Aktionen einbinden.

Daniel Graf (43) ist Kommunikationsstratege bei gamechanger.ch, Netzdemokrat und Mitbegründer der Polit-Plattform wecollect.ch.

Standard
Campaigning, Menschenrechte

Briefe schreiben für Maria

Als sie 13 Jahre alt war, wurde Maria gezwungen, einen 70-jährigen Mann zu heiraten, der bereits 5 andere Frauen hatte. Ihr Vater versuchte ihren Widerstand zu brechen, indem er ihr drohte: «Wenn du nicht zu deinem Mann gehst, bringe ich dich um!» Über ein Drittel aller Frauen werden in Burkina Faso verheiratet, bevor sie 18 Jahre alt sind. 

Amnesty International: Briefmarathon 2

Mit Maria und ihrem tragischen Schicksal startet Amnesty International heute, am internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, den diesjährigen Briefmarathon. Dafür nutzt Amnesty International das erste Mal eine Website, mit der persönliche Brief erstellen können. Die Online-Plattform durfte ich  in Zusammenarbeit mit der Internet-Agentur Liip entwickeln.

Letztes Jahr haben Menschen in über 140 Ländern am Briefmarathon teilgenommen und über 2 Millionen Solidaritätsbotschaften geschrieben. Davon kamen über 30’000 aus der Schweiz.

briefmarahton

Die weltweit grösste Briefaktion für die Menschenrechte zeigt Wirkung: Gewissensgefangene werden freigelassen, Todesurteile in Haftstrafen umgewandelt oder die Haftbedingungen verbessern sich. 2014 kam der junge Nigerianer Moses Akatugba nach dem Briefmarathon frei, der in einem unfairen Prozess zum Tode verurteilt worden war.

maria.briefmarathon.ch

Standard
Campaigning, Netzpolitik, Social Media

Toni Zuckerberg: Was der erfolgreiche SVP-Strategiewechsel mit Facebook gemeinsam hat.

Toni Brunner hatte das gleiche Problem wie Mark Zuckerberg: Wo schraube ich an einem Erfolgsmodell, um weiter zu wachsen? Wie die SVP setzte Facebook auf ein simples Kommunikationsprinzip, das zum Markenzeichen der Plattform wurde: den Like-Button.

Doch der Daumen wankt: Mark Zuckerberg testet sechs zusätzliche Symbole, um das Repertoire der Social Media-Plattform zu erweitern. Der Strategiewechsel hat ein Ziel: Die Grenzen der Goodnews-Plattform zu sprengen und neue Marktanteile zu erobern.

Auch die erfolgsverwöhnte SVP wollte bei den Wahlen 2015 zulegen. «Wer weiter wachsen will, muss unter dem Hag durchfressen», hat sich Parteipräsident Toni Brunner gesagt. Der Bilderbuch-Bauer hat dem Parteiapparat ein neues Image verpasst, das einer kleinen Revolution gleich kommt.

maxresdefault

In der Ära Blocher war die SVP eine Partei, die stets mit dem Daumen nach unten zeigte. Doch mit Poltern sammelt man wenig Sympathiepunkte ausserhalb der Restaurant-Sälis. Im Wahlkampf erfand sich die SVP als Spasspartei neu und stieg wortwörtlich in die Badehose. Im Wahlkampf-Clip «Welcome to SVP» springt alt Bundesrat Christoph Blocher in den Swimmingpool, um ein neues und vor allem jüngeres Publikum anzusprechen.

Das Wahlresultat zeigt: Der Flirt mit der mehrdeutigen Emoji-Kultur zahlt sich für die SVP aus. Als Platzhirsch auf Social Media hat sie sich aus einer Volks- in eine Viralpartei verwandelt. Den Vorsprung wird die SVP locker halten können. Der Konkurrenz fehlt es an der nötigen Selbstironie.

Standard
Campaigning

Lovestorm für mehr Papi-Zeit

Am Sonntag 7. Juni ist in der Schweiz Vätertag. Travail.Suisse startet in Zusammenarbeit mit Männer.ch, Pro Familia, Avanti Papi und Operation Libero einen Lovestorm für mehr Papi-Zeit. Auf der Plattform papizeit.ch sagen Väter und Mütter mit Bild, warum es endlich einen gesetzlich geregelten und bezahlten Vaterschaftsurlaub braucht, der seinen Namen auch verdient.

Heute bekommt ein frisch gebackener Vater in der Schweiz vom Gesetz gleich viel bezahlte freie Zeit, wie bei einem Wohnungswechsel: Einen Tag! 

Mit der Online-Kampagne von gamechanger/pixelgarage soll der öffentliche Druck für mehr Papizeit erhöht werden. Im Parlament ist aktuell ein Vorstoss für 2 Wochen bezahlten Vaterschaftsurlaub hängig.

Die Website hat das Kollektiv mitdir.ch entwickelt. Die ursprüngliche Idee einer Selfie-Plattform entstand 2014 als Reaktion auf die Masseneinwanderungsinitiative. In den letzten Monaten sind weitere Projekte in ganz Europa dazugekommen.

Update 08.06.2015
Auswahl von Medienberichten zur Papizeit-Kampagne:

Standard
Campaigning, Medien

Bigler schiesst ein Eigen-GOAL: Gewerbeverbands-Direktor verschleiert Stratege hinter der umstrittenen RTVG-Nein-Kampagne

Die BAZ verteilt neuerdings Preise für Abstimmungs-Kampagnen. Als überraschender Favorit im Hause Somm gilt die umstrittene RTVG-Nein-Kampagne des Gewerbeverbandes.

«Was die politische Schweiz dieser Tage erlebt, ist eine der überraschendsten und erfolgreichsten Abstimmungs-Kampagnen seit Jahren», schreibt BAZ-Jurnalist Beni Gafner in seiner Laudatio.

Das Meisterstück ortet die BAZ in der cleveren Medienkampagne, die ganz frontal auf Provokation setzt und den Gewerbeverband als «Partei und streitbar» positioniert.

Die RTVG-Nein-Kampagne wird als grandiose Strategie gefeiert, zumal auch die Medien brav die zugedachte Rolle spielen: «Die zarten Zürcher von Blick und TagesAnzeiger zeigen sich entsetzt über blutige Finger.»

Bevor der Lesende laut klatscht, möchte er jetzt aber wissen, wer der brilliante Stratege hinter der Gewerbeverband-Kampagne ist. Hier weiss BAZ-Journalist Beni Gafner, der zweifellos über erstklassige Insider-Informationen verfügt, erstaunliches zu berichten.

«Weniger bekannt ist, dass Bigler und dessen 35-jähriger Kommunikationschef Bernhard Salzmann die Kampagne alleine geplant und im kleinen Team von drei Verbands-Redaktoren der hauseigenen Gewerbezeitung umgesetzt haben. Keine PR-Agentur, keine teuren Werbeprofis von aussen.»

rtvg_1
Stimmt das? Ein kurzer Blick in den HTML-Code der Kampagnen-Website zeigt, dass die Agentur GOAL dahinter steckt. Die Kampagnenbilder verweisen auf die Website «devlop14.goal-center.ch», welche auf einen gewissen Alexander Segert eingetragen ist.
Der Kopf der SVP-Agentur GOAL ist der Schöpfer berühmt-berüchtigter Kampagnen: das gerupfte Huhn, die rote Ratte, das schwarze Schaf, der Messerstecher, die Minarett-Raketen. Für seine Geniestreiche erhielt Segert bisher keine Preise, sondern musste sich vor Gericht verantworten.

Warum verheimlicht Gewerbeverbands-Direktor Hans-Ulrich Bigler den Kopf hinter der RTVG-Kampagne? Aus Eitelkeit? Kaum. Bigler hat – auch als Mitglied der FDP-Mannschaft – ein simples Reputationsproblem: an den Kampagnen von GOAL klebt Dreck.

Wer die SVP-Agentur GOAL ins Boot holt, weiss was er will und geliefert bekommt: Hetzerische und aggressive Schockkampagnen aus der untersten Schublade der Kreativbranche. Auch der mediale Shitstorm gehört zum Lieferumfang und ist als Gratis-Multiplikator fest eingeplant.

goal

Bigler hat wohl die GOAL-Rechnung grosszügig aufgerundet und von Alexander Segert eine Vertraulichkeitserklärung unterzeichen lassen. So ist es gefahrlos möglich, in der Öffentlichkeit Kommunikationschef Bernhard Salzmann, Verbandspräsident Nationalrat Jean-François Rime (SVP) und sich selbst als kreatives Kampagnen-Dreamteam zu präsentieren.

Offenbar hat Bigler eine Grundregel der Kampagnenarbeit vergessen: Den brauen Dreck an den Sohlen sieht man spätestens, wenn einer über den roten Teppich läuft.

Standard
Campaigning, Medien, Netzwelt, Social Media

Toleranz-Selfies: Skype-Interview mit 3Sat-Kulturzeit

Eine kleine Premiere heute: Mein erstes Skype-Interview für die TV-Sendung «Kulturzeit» auf 3Sat. Ich wurde um meine Einschätzung gebeten, ob Selfies als Kampagnenmittel im Kampf gegen Extremismus funktionieren.

Konkret ging es um das Projekt einer Gruppe Studenten an der Hochschule Ravensburg-Weingarten. Sie erfanden das 2fie. Ein Selfie von Menschen unterschiedlichen Glaubens, versehen mit einer persönlichen Toleranzbotschaft.

Die Kampagne erinnert mich stark an den Lovestorm auf Mitdir.org, über den ich bereits geschrieben habe.

Standard